Viktors Lehrer

„Viktor scheint in der Klasse keinen sehr guten Stand zu haben. Bei Gruppenarbeiten muss letzten Endes meistens ich entscheiden, welche Gruppe ihn noch bei sich aufnehmen soll. Auch in den Pausen sehe ich Viktor fast immer alleine herumstehen. Wenn Mitschüler im Unterricht blöde Kommentare über ihn machen, sage ich, dass sie das lassen sollen. Aber ich kann ja nicht immer und überall da sein. Viktor scheint sich auch nicht mehr so gut konzentrieren zu können. Zumindest werden seine Leistungen immer schlechter, obwohl ich eigentlich den Eindruck habe, dass der Stoff nicht zu schwer für ihn ist. Es scheint fast so, als würde irgendetwas Anderes zu viel Platz in seinem Kopf einnehmen. Oder vielleicht liegt es daran, dass er oft sehr müde wirkt. Auf jeden Fall scheint es ihm nicht gut zu gehen. Aber was soll ich tun? Ich will ja auch nichts falsch oder noch schlimmer machen. Und es ist einfach nie genug Zeit, sich um einzelne Schüler wie Viktor zu kümmern. Aber gar nichts zu tun, ist doch auch nicht richtig. Wie soll ich mit der Situation umgehen?“

Wie erkenne ich, dass ein*e Schüler*in gemobbt wird?

Betroffenen fällt es aus verschiedenen Gründen oft sehr schwer, sich Anderen anzuvertrauen und von ihren negativen Erfahrungen zu erzählen.

Gleichzeitig ist Mobbing für Eltern und Lehrkräfte nicht immer leicht zu erkennen. Mögliche Anzeichen, dass ein Kind von Mobbing betroffen sein könnte, können sein:

Sollten Sie Anzeichen für Mobbing bei einem/einer Schüler*in bemerken, können Sie ihn/sie behutsam darauf ansprechen und Lösungsmöglichkeiten suchen. Schildern Sie, was Ihnen aufgefallen ist und bieten Sie Ihre Hilfe an (z. B. „Mir fällt auf, dass in letzter Zeit immer wieder welche von Deinen Sachen verschwinden und Du oft bedrückt wirkst. Hat das einen bestimmten Grund? Kann ich Dir irgendwie helfen, damit es Dir besser geht?“).

Was kann ich als Lehrkraft gegen Mobbing tun?

Unterbinden Sie unangebrachtes Verhalten frühzeitig, unmittelbar und konsequent!

Bestimmte Verhaltensweisen (z. B. ein rauer Umgangston oder unfaires Verhalten) können in einer Klasse schnell zur Norm werden, wenn nicht frühzeitig und konsequent dagegen vorgegangen wird.

Machen Sie auch schon bei scheinbaren „Kleinigkeiten“ (z. B. Beleidigungen) deutlich, wie in Ihrer Klasse miteinander umgegangen werden soll und dass Sie das unangebrachte Verhalten nicht dulden (z. B. „So reden wir hier nicht miteinander. Das möchte ich nicht noch einmal hören“). Verhängen Sie angemessene, sofortige Konsequenzen für das Verhalten.

Nutzen Sie Ihre eigene Vorbildfunktion und die besonders einflussreicher Schüler*innen!

Sie dienen als Vorbild in Ihrer Klasse und Ihre Schüler*innen achten auf Sie, auch wenn Sie das gar nicht bemerken. Indem Sie respektvollen Umgang vorleben (z. B. nicht abfällig über Schüler*innen oder Kolleg*innen sprechen) setzen Sie einen Maßstab, an dem sich Ihre Schüler*innen orientieren können.

Sie können auch den Einfluss beliebter, positiver Rollenmodelle in Ihrer Klasse nutzen (z. B. indem Sie diesen Schüler*innen die Verantwortung übertragen, isolierte Mitschüler*innen besser in die Klassengemeinschaft zu integrieren oder auf die Einhaltung der Regeln zu achten).

Nehmen Sie es ernst, wenn Schüler*innen Ihnen von Mobbing berichten!

Besonders soziales Mobbing und Cybermobbing sind für Sie als Lehrkraft nicht immer leicht zu erkennen. Sie sind darauf angewiesen, dass Betroffene bzw. deren Mitschüler*innen sich Ihnen anvertrauen, da diese Mobbingarten kaum direkt zu beobachten sind. Daher ist es wichtig, Berichte von Schüler*innen ernst zu nehmen. Wenn Ihre Schüler*innen erleben, dass Sie ernsthaft und vertrauensvoll mit berichtetem Mobbing umgehen, verringern Sie die Hemmschwelle, Ihnen Erfahrungen mit Mobbing anzuvertrauen.

So können Sie gemeinsam nach Lösungen suchen und – immer mit Einverständnis des Betroffenen – weitere Schritte unternehmen. Der Schutz des Betroffenen vor weiteren Übergriffen hat hierbei höchste Priorität.

Fragen Sie lieber einmal zu viel als einmal zu wenig nach!

Wenn niemand in eine Situation eingreift, gehen wir oft davon aus, dass Andere vermutlich mehr darüber wissen und es daher nicht für notwendig halten, etwas zu unternehmen. Das Problem dabei ist: Wenn alle das denken, tut keiner etwas!

Wenn Sie unangebrachtes Verhalten beobachten oder Anzeichen von Mobbing an einem Ihrer Schüler*innen erkennen, fragen Sie nach oder greifen Sie ein, auch wenn Sie sich nicht sicher sind, ob es sich tatsächlich um Mobbing handelt. Es ist kein Problem, sich zurückzuziehen, wenn sich herausstellt, dass die Situation unproblematisch ist. Ihre Schüler*innen erhalten so das Gefühl, dass Sie sich um sie kümmern und Ihnen ihr Wohl am Herzen liegt.

Manchmal verneinen Betroffene, dass sie gemobbt werden, etwa aus Angst, dass ihre Situation durch die Einmischung eines Erwachsenen noch schlimmer werden könnte. Wenn Sie das Gefühl nicht verlässt, dass etwas nicht in Ordnung ist, behalten Sie die Situation weiter im Auge und fragen Sie wiederholt nach.

Schaffen Sie Möglichkeiten, gefährdete oder betroffene Schüler*innen stärker in die Klassengemeinschaft einzubinden!

Indem Sie z. B. bei der Sitzordnung oder Einteilung von Gruppen darauf achten, dass gefährdete oder betroffene Schüler*innen von freundlichen, offenen Mitschüler*innen umgeben sind, schaffen Sie Gelegenheiten dazu, positive Kontakte zu knüpfen.

Auch in den Pausen können altersangemessene Aktivitäten angeboten werden, die eine Einbindung aller Schüler*innen erlauben, ohne einen Wettbewerb oder ein bestehendes Machtungleichgewicht zu fördern.

Suchen Sie die Gründe für das Mobbing niemals bei den Betroffenen!

Manche gemobbten Schüler*innen werden auch von Lehrkräften als „schwierig“ oder „anstrengend“ empfunden. Doch gerade diese Betroffenen brauchen Ihre Unterstützung! Man muss nicht jeden mögen, aber niemand hat es verdient, gemobbt zu werden! Das schwierige Verhalten dieser Schüler*innen ist zudem oftmals eine Folge ihrer negativen Erlebnisse und keineswegs die Ursache des Mobbings.

Aufgrund der teilweise bestehenden Verhaltensauffälligkeiten sowie der oft hohen psychischen Belastung der Betroffenen kann auch eine Anbindung an den/die Schulpsycholog*in oder andere beratende oder therapeutische Institutionen sinnvoll sein.

Holen Sie bei Bedarf weitere Parteien ins Boot!

Wenn Sie an Ihre Grenzen stoßen, überlegen Sie gemeinsam mit den Betroffenen, wo Sie Hilfe finden können.

Wichtig ist dabei, das Einverständnis der Betroffenen einzuholen, bevor Sie z. B. Schulsozialarbeiter*innen, Schulpsycholog*innen oder Beratungslehrkräfte zur Unterstützung kontaktieren.

Was können wir als Schule gegen Mobbing tun?

Es empfiehlt sich nicht, bei der Bekämpfung von schulischem Mobbing nach dem „Feuerwehr-Prinzip“ vorzugehen: Statt viele einzelne „Brandherde“ in zeitaufwändigen Kriseninterventionen zu löschen, sollten „Feuer“ verhindert werden, bevor sie entstehen. Hierzu ist ein systematischer Mehrebenen-Ansatz erforderlich, der alle Lehrkräfte und Schüler*innen verschiedener Klassenstufen einbezieht. Dieser Gedanke liegt dem Präventionsprogramm „Mobbing&Du – schau hin und nicht zu“ zugrunde.